Mit der Bildung aus der Krise?

Unser Vorschlag, Dorfschulen in Form von Mehrklassenschulen zu erhalten ist ja nichts Neues. Mehrklassenschulen sind insbesondere in den letzten 30 Jahren in unseren Nachbarländern eine zentrale Organisationsform für die Stützung des ländlichen Raumes geworden. Das sagen nicht WIR, sondern das belegen Studien und Untersuchungen. Darum geht es hier.


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Beitrag 11. Jan 2014 08:04
walter Forum Admin

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Eine riesige Dokumentation einer Veranstaltung der deutschen Gesellschaft für Bildungsverwaltung. Auch behandelt wird das Thema Grundschulen im ländlichen Bereich (ab S.27):

Die Versorgung des ländlichen Raums mit Grundschulen.
Eine Herausforderung an Regionalpolitik und Bildungsplanung
Prof. Dr. Peter Meusburger


Daraus einige Zitate:

Es ist allerdings ein weit verbreitetes Vorurteil, dass die Schließung oder Neueröffnung
von Grundschulen vor allem von der Entwicklung der Schülerzahlen abhängt.
Eine genauere Analyse der in den letzten drei bis vier Jahrzehnten durchgeführten
Schulschließungen belegt sehr deutlich, dass die Schulschließungen in
vielen Fällen nicht mit der Entwicklung der Schülerzahlen zusammenhingen, sondern
dass vor allem eine bessere Verkehrserschließung peripherer Gebiete, bildungspolitische
Leitbilder und ein großer Lehrermangel für die Schulschließungen
im ländlichen Raum verantwortlich waren. In mehreren Ländern wurden viele
Schulen geschlossen, als die Schülerzahlen noch anstiegen, und in manchen Regionen
wurden wieder neue Schulen eingerichtet, als die Schülerzahlen noch deutlich
abnahmen. In vielen Regionen wurde der Rückgang der Schülerzahlen durch eine
Verkleinerung der Klassengröße aufgefangen, was aus pädagogischer Sicht sicherlich
positiv zu bewerten ist. Viel entscheidender als die Entwicklung der Schüler
waren Veränderungen in den bildungspolitischen Leitbildern.


Zugunsten
der großen, voll organisierten Schule wurden folgende Argumente angeführt
(vgl. Diederich 1967, Meusburger 1974a, 1978, 2006):
• Große Schulen hätten eine bessere und modernere Ausstattung mit Lehrmitteln,
so dass die Kinder auch eine bessere Ausbildung erhalten würden.
• Sie würden einen flexibleren und kostengünstigeren Einsatz der Lehrkräfte
sowie ein günstigeres Kosten-Nutzen-Verhältnis von teuren Anschaffungen
ermöglichen.
• Zentral gelegene große Mittelpunktschulen würden höhere Übertrittsraten in
weiterführende Schulen erzielen und somit die soziale und regionale
Chancengleichheit verbessern.
• Die einklassige Dorfschule sei ein altmodisches Relikt der Agrargesellschaft
des 19. Jahrhunderts. Sie repräsentiere ein bildungsfeindliches Milieu, eine
reaktionäre politische Einstellung und eine geistige Enge.
• Sie sei den modernen Anforderungen nicht mehr gewachsen und verzögere den
notwendigen gesellschaftlichen Wandel. Die niedrig organisierte Kleinschule
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und das damit verbundene konservative ländliche Milieu würden die
Bildungschancen der Kinder beeinträchtigen.
• Die zentral gelegene Großschule mit möglichst vielen Schülern wurde als ein
Instrument empfohlen, mit welchem negative Einflüsse des soziokulturellen
Milieus des Elternhauses zurückgedrängt werden können.
Einige dieser Werturteile konnten sich nur deshalb so lange halten, weil es bis
Mitte der 1970er Jahre nur wenige empirische Untersuchungen und Erkenntnisse
über die Ursachen der regionalen Unterschiede des Bildungsverhaltens gab. Die
Verfechter dieses Leitbildes der zentral gelegenen Großschule haben möglichst
hohe Schließungsquoten von niedrig organisierten Schulen geradezu als Indikator
einer erfolgreichen und fortschrittlichen Schulpolitik und einer Modernisierung der
Gesellschaft des ländlichen Raums gepriesen. Die Bildungsplaner versuchten, das
für Städte geeignete Leitbild der großen, voll organisierten Grundschule auch auf
Regionstypen zu übertragen, in denen die Voraussetzungen völlig anders waren.
Durch diese Planungsideologie und die Festlegung von relativ starren Richtwerten
für Klassen- und Schulgrößen verlor die Schulstandortplanung die früher gegebene
Flexibilität, um auf regionale Besonderheiten Rücksicht nehmen zu können. Plakativ
formuliert, könnte man behaupten, dass die Planungsideologie der 1960er
Jahre sogar hinter das Niveau des Reichsvolksschulgesetzes von 1869 zurückgefallen
ist. Denn das österreichische Reichsvolksschulgesetz von 1869 ging wesentlich
sensibler auf regionale, soziale und ethnische Disparitäten ein, erlaubte mehr
Flexibilität und sah mehr dezentrale Entscheidungsbefugnisse auf der Ebene der
Bezirke (Kreise) vor, nahm bei der Schulstandortplanung mehr Rücksicht auf regionale
Besonderheiten und die Bedürfnisse der Bevölkerung als die zwischen 1950


Sobald jedoch umfangreiche und methodisch zuverlässigere
empirische Studien vorlagen (Meusburger 1973, 1974a, 1978, Kramer
1993) wurde klar, dass die der Einfluss der Organisationsform und der Schulgröße
stark überschätzt worden war. Die negativen Folgen der großen Auflassungswelle
von Kleinschulen im ländlichen Raum wurden schon nach kurzer Zeit sichtbar, so
dass sich ab Mitte der 1970er Jahre (Westösterreich) oder Anfang der 1980er Jahre
(Baden-Württemberg) wieder mehrere Länder zur Wiedereröffnung von vorher
aufgelassenen Kleinschulen entschlossen haben. Nun rückte wieder das bildungspolitische
Gegenkonzept der wohnortnahen (kleinen) Grundschule in den Vordergrund.


Die „eigene“,
wohnortnahe Grundschule erfüllt in peripheren ländlichen Gebieten nicht nur eine
andere Funktion, sie hat hier auch einen höheren regionalpolitischen Stellenwert
als in dicht besiedelten Stadtregionen. Sie ist das wichtigste Instrument der sozialen
Integration und der Schaffung von lokaler Identität. Die Schließung der eigenen
Schule kann zu einem Verlust an kultureller Identität, an lokalem Wissen, an kollektivem
Gedächtnis und an Sensibilität für lokale Probleme führen. Wer wird in
einer Gemeinde, der es an der grundlegenden Infrastruktur mangelt, noch Arbeitsplätze
schaffen wollen, welche Familien mit Kindern werden in eine Gemeinde
umziehen wollen, an der es keine Grundschule mehr gibt?


so geht es weiter: Hoch spannende Argumentation und historischer Rückblick in die Schullandschaft.

Hier die ganze Dokumentation, Grundschule ab S. 27

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